Strohwitwe de · NOUN
Pronunciation
- [ˈʃtʁoːˌvɪtvə]
- audio
Etymology
strukturell: Determinativkompositum aus den Substantiven Stroh und Witwe etymologisch: Das Wort ist erst seit Anfang des 18. Jahrhunderts bezeugt. In den germanischen Sprachen begegnen jedoch eine Reihe zum Teil älterer Bildungen ähnlicher Art: englisches grass widow ^(→ en) (1528) zunächst ‚Mätresse‘, ‚unverheiratete Frau, die mit einem oder mehreren Männern zusammengelebt hat‘, im 18. Jahrhundert wiederbelebt in der Bedeutung ‚eine, die vorgibt, verheiratet zu sein, und schon Kinder hat‘, im 19. Jahrhundert dann ‚verheiratete Frau, dessen Ehemann abwesend ist (und von dem angenommen wird, er sei tot)‘, mitunter auch auf geschiedene oder abservierte, vernachlässigte Ehefrauen oder auf unverheiratete Frauen mit Kind bezogen; mittelniederdeutsches graswēdewe ^(→ gml) (16. Jahrhundert [1598]) ‚Mädchen, das keine Jungfrau mehr ist‘; niederländisches grasweduwe ^(→ nl) ‚verheiratete Frau, dessen Ehemann vorübergehend abwesend ist‘; hierzu auch haagweduwe ^(→ nl) zunächst ‚unverheiratete Frau mit Kind(ern)‘, heute noch regional (Antwerpen) in der Bedeutung ‚verheiratete Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde oder ihn hinausgeworfen hat‘, wobei haag- (frühneuniederländisch haeck-) für ‚Hecke‘ und ‚Heuschober‘ steht; dänisches græsenke ^(→ da) (um 1700) ‚Frau, dessen Mann (vorübergehend) abwesend ist‘, daneben auch (vielleicht bereits unter Einfluss des deutschen Wortes) veraltetes straaenke ^(→ da) (um 1700) ‚Frau, die allein lebt, während ihr Mann abwesend ist‘; schwedisches gräsänka ^(→ sv) (1738) ‚verheiratete Frau, deren Mann zurzeit abwesend ist‘, mundartlich auch ‚verdorbenes Mädchen‘. Somit steht das deutsche Strohwitwe in einem großräumigen Kreis entsprechender Bezeichnungen wie „Gras“ („Hecken“, „Heuschober“)-witwe, seine semantische Herausbildung vollzieht sich ebenfalls großräumig und ist ab dem 16. Jahrhundert belegt. Das Signifikat ‚Frau, deren Mann verreist ist‘ steht mit dem offensichtlich älteren ‚(unzüchtiges) Mädchen, das keine Jungfrau mehr ist‘ in Verbindung (vergleiche spätmittelhochdeutsches strōbrūt ^(→ gmh) ‚Mädchen, das schon vor der Hochzeit ein Kind erwartet‘, schwäbisches Strohjungfer ‚die schon einmal auf dem Stroh gelegen oder sonst anrüchig ist und den [Stroh]-kranz verdient‘, wobei auf dem Stroh liegen ‚in Kindesnöten sein‘ und Strohkranz ‚Kranz aus Stroh, für gefallene Mädchen‘ bedeutet). Gemeinsamer semantischer Ausgangspunkt der Bestimmungswörter all dieser Zusammensetzungen ist wohl die ‚Lagerstatt‘ (Gras, Heuschober, Stroh [speziell das Bettstroh] beziehungsweise [Platz hinter der] Hecke), auf der das Mädchen als ‚Witwe‘ verlassen wurde. Der scherzhafte Gebrauch dieser Benennungen auf eine Frau, die nur vorübergehend als ‚Witwe‘ verlassen wurde, lag nahe, wie sich in einem Beispiel aus Goethes Faust zeigt; dort klagt die zurückgelassene Marthe über ihren Ehemann: „Gott verzeih’s meinem lieben Mann, Er hat an mir nicht wohl gethan! Geht da ſtracks in die Welt hinein, Und laͤßt mich auf dem Stroh allein.“ Grimm zufolge sind Erklärungsversuche, die allein vom Bedeutungsbereich der Komposita mit Stroh- ausgehen – beispielsweise die Herleitung von Strohmann ‚kein wirklicher Mann‘ (wonach Strohwitwe ‚keine wirkliche Witwe‘) – verfehlt. Auch sei der begriffliche Zusammenhang mit der seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren Sitte des Strohkranzes kaum ursprünglich, jedoch könne sie eine sekundäre Einwirkung auf die Verbreitung des Wortes Strohwitwe gehabt haben.
Meanings
-
(colloquial, jocular) vorübergehend zurückbleibende Partnerin in einer Lebensgemeinschaft, deren Partner beziehungsweise Partnerin für eine gewisse (eher kürzere als längere) Zeit abwesend ist
„Da standen nun die drei trauernden Strohwitwen den lieben langen Tag vor der verschlossenen Pforte, ergingen sich in beweglichen Klagen und forderten laut und stürmisch das ›Diebesgut‹ zurück.“
Li Yü: Jou Pu Tuan (Andachtsmatten aus Fleisch). Ein erotischer Roman aus der Ming-Zeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1979 (Originaltitel: 肉蒲團, übersetzt von Franz Kuhn), ISBN 3-596-22451-9, Seite 337 (Lizenzausgabe des Verlags Die Waage, Zürich-Kilchberg 1959; Chinesische Originalausgabe 1634) .„Die Regierung trommelte aus ganz Ungarn Ehefrauen der Honved-Spieler zusammen, meldete ein Ferngespräch nach Rio an und drückte den Strohwitwen der Reihe nach den Hörer in die Hand, […]. Die Frauen waren seinerzeit mit ins Ausland geflüchtet, aber inzwischen nach Ungarn zurückgekehrt. Die derart massiv über den Atlantik gehauchte Sehnsucht der Strohwitwen nach ihren Männern, die einzeln an den Apparat zitiert wurden, gipfelte jeweils in der Beschwörung: ‚Nun sei doch lieb und komm' nach Haus!‘“
Laßt Strohwitwen sprechen. In: DER SPIEGEL. Nummer 07, 13. Februar 1957, ISSN 0038-7452, Seite 41 .„Am folgenden Tage übernahm ein gutmüthiger College unſere Praxis und trug leicht an der Laſt; am zweiten Tage nach Empfang des Briefes, Morgens um ſieben und ein halb Uhr, war ich zum erſten Mal zu einer jungen betrübten Strohwittwe geworden, welcher von allen Vergnügungen des Daſeins nichts weiter übrig geblieben war, als nach dem nothdürftigſten Verſiegen der Trennungstränen erſt die Wohnung von hinten und vorn zu ſcheuern, dann die große Wäſche anzuſtellen und zuletzt matt, weich und wehmüthig bei den Eltern Troſt und Schutz zu ſuchen.“
Wilhelm Raabe: Drei Federn. 1. Auflage. Druck und Verlag von Otto Janke, Berlin 1865, Seite 134 (Google Books) .„Ich wurde in einer jüdischen Familie in Brasilien geboren. Mein Vater stammt aus Polen, meine Mutter aus Bessarabien. Mein Opa mütterlicherseits hatte seinerzeit gehört, dass Brasilien ein Eldorado sei, und wollte sein Glück versuchen. Meine Oma folgte ihm samt Tochter Jahre später: Sie war eine sehr mutige Frau und war es leid, als Strohwitwe zu leben.“
Matilda Jordanova-Duda: „Ich bin Feministin“. In: Jüdische Allgemeine. Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. 20. Mai 2020, ISSN 1618-9698, Seite 16 (Onlineversion vom 24.05.2020: URL, abgerufen am 22. Februar 2026) .„Himmliſch kannſt du ſprechen, Herzkind, und einer jungen Strohwittwe, die noch dazu das Unglück hat, ſelbſt in ihren Landläufer von Gemahl verliebt zu ſeyn, den Kopf ſchon verdrehen; aber kennſt du die Welt, das taube, hartmäulige Thier?“
Karl Immermann: Muͤnchhauſen. Eine Geſchichte in Arabesken. 1. Auflage. Vierter Theil, Verlag von J. E. Schaub, Duͤſſeldorf 1839, Seite 288–289 (Deutsches Textarchiv) .„Liduſchka, die Schwiegertochter des alten Richters, die junge Strohwittwe, wie man ſie im Dorfe nannte, weil ihr die Kaiſerlichen ihren Mann kurze Zeit nach der Hochzeit als Soldaten weggeführt hatten, Liduſchka hatte hinter dem Ofen alles geſehen und gehört, was in der Stube vorging.“
Moritz Hartmann: Der Krieg um den Wald. Eine Hiſtorie. 1. Auflage. Literariſche Anſtalt (J. Rütten), Frankfurt am Main 1850, Seite 19 (Google Books) .„Und ihre Arme von hinten um Lottes Hals schlingend, fuhr Lena lustig fort: ‚Beichte nur gleich, Lottchen, dass Du am ersten Feiertag Strohwitwe bist. …. Frau Wohlgebrecht wird sich Deiner gewiss mit Freuden annehmen. […]‘“
Dora Duncker: Grossstadt. Roman. 1.–10. Tausend, Rich[ard]. Eckstein Nachf[olger]. (H. Krüger), Berlin [1900], Seite 49 (Google Books) .„Die zurückgebliebenen Strohwitwen auf Andros müssen den unsteten Lebenswandel ihrer Göttergatten kompensieren.“
Manuel Gogos: Ioanna Karystiani, die Nostalgikerin. In: taz.die tageszeitung. Nummer 6570, 10. Oktober 2001, Seite Ⅵ [1006] (überregionale Ausgabe; Beilage Literataz) .
Forms
| Spelling | Features | Labels | Source |
|---|---|---|---|
| Strohwitwer | Gender=Masc | sense_index:1 | lexicographic |
| Strohwitwen | Case=Dat, Gender=Fem, Number=Plur | lexicographic | |
| Strohwitwen | Case=Nom, Gender=Fem, Number=Plur | lexicographic | |
| Strohwitwen | Case=Acc, Gender=Fem, Number=Plur | lexicographic | |
| Strohwitwen | Case=Gen, Gender=Fem, Number=Plur | lexicographic | |
| Strohwittwe | Gender=Fem | bis 1901, obsolete | lexicographic |
| Strohwitwe | Case=Acc, Gender=Fem, Number=Sing | lexicographic | |
| Strohwitwe | Case=Gen, Gender=Fem, Number=Sing | lexicographic | |
| Strohwitwe | Case=Nom, Gender=Fem, Number=Sing | lexicographic | |
| Strohwitwe | Case=Dat, Gender=Fem, Number=Sing | lexicographic |
Coordinates
politische Witwe · weiße Witwe · grüne Witwe · lustige Witwe
Synonyms
Translations (39)
en grass widow (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sr сламната удовица (Frau, deren Partner/in verreist ist) · bs slamnata udovica (Frau, deren Partner/in verreist ist) · hsb słomjana wudowa (Frau, deren Partner/in verreist ist) · bg сламена вдовица (Frau, deren Partner/in verreist ist) · yi שטרױענע אַלמנה (Frau, deren Partner/in verreist ist) · da græsenke (Frau, deren Partner/in verreist ist) · nn grasenke (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sh сламната удовица (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fo graseinkja (Frau, deren Partner/in verreist ist) · ro văduvă de paie (Frau, deren Partner/in verreist ist) · uk солом'яна вдова (Frau, deren Partner/in verreist ist) · yi עגונה (Frau, deren Partner/in verreist ist) · hr slamnata udovica (Frau, deren Partner/in verreist ist) · be саламяная ўдава (Frau, deren Partner/in verreist ist) · ru соломенная вдова (Frau, deren Partner/in verreist ist) · pl słomiana wdowa (Frau, deren Partner/in verreist ist) · cs slaměná vdova (Frau, deren Partner/in verreist ist) · nn grasenkje (Frau, deren Partner/in verreist ist) · hsb połwudowa (Frau, deren Partner/in verreist ist) · af grasweduwee (Frau, deren Partner/in verreist ist) · bs slamnata hudovica (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sl slamnata vdova (Frau, deren Partner/in verreist ist) · hu szalmaözvegy (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fr célibataire (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fr veuve (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fr fille (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sh сламната худовица (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sv gräsänka (Frau, deren Partner/in verreist ist) · lt gyvanašlė (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fr célibataire occasionnelle (Frau, deren Partner/in verreist ist) · nb gressenke / (Frau, deren Partner/in verreist ist) · he אַלְמְנַת קַשׁ (Frau, deren Partner/in verreist ist) · sk slamená vdova (Frau, deren Partner/in verreist ist) · nl grasweduwe (Frau, deren Partner/in verreist ist) · hsb słoma wudowa (Frau, deren Partner/in verreist ist) · dsb nachylna wudowa (Frau, deren Partner/in verreist ist) · is grasekkja (Frau, deren Partner/in verreist ist) · fr veuve de paille (Frau, deren Partner/in verreist ist)